Am Ufer des Jordan stellt Jesus zwei Männern eine Frage, die bis heute jeden Menschen im Innersten trifft: „Was sucht ihr?“ Diese Frage entlarvt unsere Motive, deckt unsere Sehnsüchte auf und fordert eine Antwort, die über unser ewiges Schicksal entscheidet.
Johannes 1,35–39: – Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo ist deine Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
Meine lieben Brüder und Schwestern! Was sucht ihr? Diese drei Worte durchschneiden die Luft am Jordanufer wie ein scharfes Schwert. Jesus dreht sich um. Sein Blick trifft zwei Männer, die ihm nachfolgen. Sie haben Johannes den Täufer gehört. Sie haben das Zeugnis vernommen: – Siehe, das ist Gottes Lamm! Nun gehen sie hinterher, unsicher vielleicht, neugierig gewiss. Und dann diese Frage, diese bohrende, durchdringende Frage des Messias: Was sucht ihr?
Es ist keine freundliche Begrüßung. Es ist keine höfliche Floskel. Es ist die Frage, die in die Tiefe geht, die das Herz offenlegt, die keine Ausflüchte duldet. Jesus fragt nicht: „Kann ich euch helfen?“ Er fragt nicht: „Wollt ihr etwas wissen?“ Er fragt nach dem Kern, nach dem Motiv, nach der Sehnsucht, die diese beiden Männer antreibt. Was sucht ihr wirklich?
Diese Frage gilt nicht nur den beiden Jüngern am Jordan. Sie gilt jedem Menschen, der jemals den Namen Jesus gehört hat. Sie gilt dir. Sie gilt mir. Was suchen wir eigentlich, wenn wir von Christus reden, wenn wir in die Kirche gehen, wenn wir die Bibel aufschlagen? Suchen wir Trost für unser gequältes Gewissen? Suchen wir Bestätigung für unser selbstgefälliges Leben? Suchen wir eine religiöse Versicherung gegen die Unwägbarkeiten des Lebens? Oder suchen wir wahrhaftig den lebendigen Gott?
Welchen Jesus folgen wir heute? Folgen wir dem Jesus unserer Wünsche; dem sanften Tröster ohne Anspruch, dem spirituellen Begleiter ohne Kreuz, dem moralischen Lehrer ohne Herrschaft? Oder folgen wir dem Jesus der Heiligen Schrift – dem Gekreuzigten und Auferstandenen, der uns ruft, unser Leben zu verlieren, damit wir es finden (vgl. Matthäus 16,24–25)? Es gibt viele „Jesusse“ in unserer Zeit: den politischen Jesus, den therapeutischen Jesus, den esoterischen Jesus, den kulturellen Jesus. Doch nur einer ist der Herr: der Jesus, der uns zur Umkehr ruft, der uns aus der Selbsttäuschung herausführt, der uns nicht bestätigt, sondern erneuert.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir an Jesus glauben, sondern an welchen Jesus wir glauben – und ob es wirklich der Jesus der Bibel ist.
Die Jünger des Johannes antworten ausweichend: – Rabbi, wo ist deine Herberge? Sie weichen der direkten Frage aus. Sie stellen eine Gegenfrage, die nach außen hin harmlos klingt. Wo wohnst du? Eine geografische Information wird erbeten. Doch Jesus lässt sich nicht täuschen. Er durchschaut ihre Ausweichmanöver ebenso wie unsere. Dennoch antwortet er mit einer Einladung, die barmherzig und fordernd zugleich ist: – Kommt und seht!
Kommt und seht. Nicht: Bleibt stehen und fragt weiter. Nicht: Denkt darüber nach und kommt vielleicht später wieder. Sondern: Kommt jetzt. Seht selbst. Macht euch auf den Weg. Die Nachfolge Jesu beginnt nicht mit theologischen Diskussionen. Sie beginnt nicht mit intellektueller Zustimmung zu bestimmten Glaubenssätzen. Sie beginnt mit einem Schritt. Mit der Bewegung. Mit dem Kommen. Mit dem Losgehen.
Der Evangelist Johannes berichtet nüchtern: – Sie kamen und sahen es und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Die zehnte Stunde, das ist etwa vier Uhr nachmittags nach unserer Zeitrechnung. Warum wird diese scheinbar nebensächliche Zeitangabe erwähnt? Weil dieser Moment ihr Leben verändert hat. Weil sie niemals vergessen werden, wann genau ihre Begegnung mit Jesus stattfand. Manche Augenblicke brennen sich ins Gedächtnis ein, weil in ihnen die Ewigkeit in die Zeit einbricht.
Was haben sie gesehen, diese beiden Männer, in jenen Stunden bei Jesus? Der Text sagt es nicht. Aber dass sie sahen, dass sie blieben, das sagt alles. Sie fanden, was sie suchten, auch wenn sie vielleicht nicht wussten, dass sie genau das suchten. Sie fanden nicht eine Lehre. Sie fanden nicht ein religiöses System. Sie fanden eine Person. Sie fanden den, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth, wie es später in Johannes 1,45 heißt.
Kehren wir zurück zur Ausgangsfrage: Was sucht ihr? In Matthäus 6,33 gebietet Jesus: – Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Zuerst. Nicht nebenbei. Nicht wenn Zeit bleibt. Nicht als religiöses Hobby. Zuerst. Mit ganzer Kraft. Mit ungeteiltem Herzen.
Geliebte Geschwister, das Gespräch geht von Jesus aus. Er ist es, der sich ihnen zuwandte. Das bedeutet: Am Anfang unseres Heilsweges steht die Zuwendung Gottes. Gott sieht uns, wie wir hinterherlaufen – suchend, tastend, oft verwirrt. Und doch bleibt sein Blick auf uns gerichtet.
Denn bevor wir ein Wort sagen, hat Christus uns schon angesprochen. Bevor wir einen Schritt tun, hat er uns bereits gefunden. Unsere Nachfolge beginnt nicht mit unserer Entscheidung, sondern mit seiner Initiative. Er wendet sich uns zu, nicht weil wir stark, treu oder klar wären, sondern weil er der gute Hirte ist, der die Verirrten sucht. Seine Zuwendung ist kein mildes Schulterklopfen, sondern ein rettender Ruf: ein Ruf heraus aus der Selbsttäuschung, ein Ruf heraus aus der Sünde, in der wir gefangen sind und als Sklaven leben, hinein in das Licht seiner Wahrheit. Wer diesem Ruf folgt, der entdeckt: Gottes Gnade ist immer schneller als unsere Schritte, immer tiefer als unsere Zweifel, immer größer als unsere Flucht.
Jesu Frage – Was sucht ihr? Jesu Frage trifft uns ins Herz: Was sucht ihr? Wer so bleiben will, wie er ist; wer weiter sündigen will wie bisher; wer Jesus nur als frommes Alibi benutzt, um Reichweite, Anerkennung oder religiöse Fassade zu erhaschen – der kann stehen bleiben, umkehren und seines Weges gehen. Christus zwingt niemanden zur Nachfolge. Doch wer den wahren Jesus sucht, den Jesus der Schrift, der darf mit ihm weitergehen. Denn wir suchen nicht eine religiöse Atmosphäre, sondern die Mitgliedschaft im Reich Gottes: – Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von Neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen (Johannes 3,1).
Wir suchen nicht moralische Selbstbestätigung, sondern den Weg zum Leben: – Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote (Matthäus 19,16–17). Wir suchen nicht spirituelle Unterhaltung, sondern das unerschöpfliche Wasser, das Christus allein gibt: – Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten; das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt (Johannes 4,14).
Wir suchen Heilung: – Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen (Matthäus 8,2). – Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank (Johannes 4,47).
Wir suchen Hilfe gegen den Tod: – Meine Tochter ist eben gestorben, aber komm und lege deine Hand auf sie, so wird sie lebendig (Matthäus 9,18). – Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank (Johannes 11,3). – Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben (Johannes 11,21).
Wir suchen das Brot des Lebens: – Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische. Und er sprach: Bringt sie mir her! (Matthäus 14,17–18). – Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid (Johannes 6,26).
Wir suchen nach Zeichen und Wundern, nach sichtbaren Beweisen, nach greifbaren Antworten. Doch hinter all diesen Bitten steht eine tiefere Sehnsucht: die Sehnsucht nach dem Einen, der heilen, retten, trösten, sättigen und erneuern kann. Wir kommen mit unseren Krankheiten, unseren Ängsten, unseren leeren Händen, unseren sterbenden Hoffnungen. Wir kommen mit Hunger, mit Verzweiflung, mit dem Wunsch nach einem Eingreifen Gottes.
Aber all diese Wege führen zu Christus selbst. Die Wunder sind nicht das Ziel; sie sind Wegweiser, die auf den Herrn des Lebens zeigen, der uns nicht nur das Brot gibt, sondern selbst das Brot des Lebens ist, nicht nur Heilung schenkt, sondern selbst unser Heil ist, nicht nur den Tod überwindet, sondern selbst die Auferstehung und das Leben ist.
Geschwister! Wer all das aber nicht suchen will, sondern so bleiben will, wie er ist, der benutzt den Heiland für seine eigenen Zwecke. Jeder ist eingeladen, jeder darf kommen, aber niemand darf erwarten, dass Christus ihn in seinem alten Leben bestätigt. Wer zu Jesus kommt, muss damit rechnen, dass Jesus ihn verändern will – und auch verändert. Seine Gnade ist niemals eine Bestätigung des Alten, sondern immer der Ruf in das Neue.
Alles andere ist eine teuflische Lüge, die den Menschen einredet, sie könnten Christus haben, ohne sich von ihm erneuern zu lassen; sie könnten das Reich Gottes erben, ohne von Neuem geboren zu werden; sie könnten das Leben empfangen, ohne den Tod des alten Menschen zu durchschreiten. Wer Jesus sucht, findet nicht eine religiöse Dekoration, sondern den lebendigen Herrn, der uns herausruft aus der Finsternis und hineinführt in das Licht seines Reiches.
Der Prophet Jeremia übermittelt Gottes Wort: – Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR (Jeremia 29,13-14). Von ganzem Herzen. Nicht halbherzig. Nicht mit geteilter Aufmerksamkeit. Nicht während wir gleichzeitig tausend andere Dinge im Kopf haben. Von ganzem Herzen.
Doch wir Menschen sind Meister der Selbsttäuschung. Wir suchen tausend Dinge und nennen es Gottsuche. Wir suchen Anerkennung und nennen es Gemeinschaft. Wir suchen Selbstbestätigung und nennen es Glauben. Wir suchen emotionale Erlebnisse und nennen es Erweckung. Wir suchen Erfolg und Wohlstand und nennen es Segen. Aber suchen wir wirklich Gott selbst?
Der Psalmist bekennt in Psalm 42,2-3: – Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? Hier spricht ein Mensch, der wirklich sucht. Hier dürstet eine Seele. Hier schreit ein Herz. Keine religiöse Pflichtübung. Kein frommer Zeitvertreib. Sondern existenzielles Verlangen.
Wie steht es denn mit dir? Und auch mit mir? Geschwister? Schreit unser Herz überhaupt noch nach Gott, oder ist alles zu einer Routine geworden, zu einem religiösen Ablauf ohne Sehnsucht, ohne Feuer, ohne inneren Durst? Ich begegne heute vielen langweiligen Christen – äußerlich korrekt, innerlich erloschen, ohne Hunger nach dem lebendigen Gott. Man kann alles richtig machen und doch innerlich tot sein. Man kann in der Kirche sitzen und doch nicht suchen. Man kann die Bibel lesen und doch nicht dürsten. Man kann beten und doch nicht schreien.
Der Psalmist ruft aus der Tiefe seines Herzens – aber wie steht es um unsere Herzen? Haben wir uns an ein Christentum gewöhnt, das uns nicht mehr herausfordert, nicht mehr erschüttert, nicht mehr ruft? Haben wir uns eingerichtet in einer geistlichen Komfortzone, in der Gott nur noch eine fromme Gewohnheit ist? Ein Christentum ohne Sehnsucht ist ein Christentum ohne Leben. Ein Herz, das nicht mehr schreit, ist ein Herz, das sich mit weniger zufrieden gibt als mit Gott selbst. Und das ist die größte Tragik unserer Zeit: ein Glaube ohne Durst, eine Nachfolge ohne Feuer, eine Seele ohne Schrei.
Jesus selbst lehrt es uns in seiner Bergpredigt: – Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden (Matthäus 5,6). Hunger und Durst sind keine höflichen Bitten. Es sind Schreie des Körpers nach dem, was lebensnotwendig ist. So soll unsere Suche nach Gott sein: lebensnotwendig, dringend, kompromisslos.
Doch wie suchen wir tatsächlich? Lukas 11,9-10 überliefert Jesu Worte: – Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Drei Imperative: Bittet. Suchet. Klopfet an. Alle drei im Präsens, alle drei fortwährende Handlungen. Nicht einmal bitten und dann aufgeben. Nicht kurz suchen und dann frustriert abbrechen. Nicht zaghaft anklopfen und dann weitergehen. Sondern beharrlich, ausdauernd, unermüdlich, solange wir leben!
Doch hören wir auch die ernste Warnung in Amos 8,11-12: – Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN, es zu hören. Dass sie hin und her laufen von einem Meer zum andern und von Norden nach Osten, dass sie des HERRN Wort suchen und doch nicht finden werden. Welch erschreckende Aussicht! Menschen, die suchen, aber nicht finden. Nicht weil Gott sich versteckt, sondern weil sie zu spät suchen, weil sie die Zeit der Gnade versäumt haben.
Liebe Geschwister! Übertragen auf das heutige Christentum in Deutschland ist diese Warnung erschütternd aktuell. Wir leben in einer Zeit, in der das Wort Gottes zwar überall verfügbar ist, aber kaum noch gehört wird. Die Kirchen besitzen Bibeln in Hülle und Fülle, aber die Herzen sind leer. Viele laufen hin und her zwischen Veranstaltungen, Konferenzen, Podcasts und geistlichen Angeboten, und doch finden sie das lebendige Wort nicht – nicht weil Gott sich verborgen hätte, sondern weil die Sehnsucht erloschen ist.
Wir haben uns an ein Christentum gewöhnt, das bequem ist, angepasst, zeitgemäß, kulturell kompatibel, aber geistlich kraftlos. Die Gemeinden reden viel, aber hören wenig. Man sucht Inspiration, aber nicht Umkehr; man sucht Gemeinschaft, aber nicht Heiligung; man sucht religiöse Atmosphäre, aber nicht den lebendigen Gott. Und so erfüllt sich die Warnung des Propheten: Menschen suchen das Wort des Herrn und finden es nicht, weil sie die Zeit der Gnade verpasst haben; nicht äußerlich, sondern innerlich.
Die größte Not unserer Kirche ist nicht allein der Mitgliederschwund, sondern der Gottesdurstschwund. Ein Land voller Kirchen, aber ohne Hunger nach dem Wort; eine Christenheit voller Programme, aber ohne Schrei nach Gott. Das ist die geistliche Hungersnot unserer Zeit.
Und der Prophet Jesaja 55,6 mahnt deshalb eindringlich: – Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Solange. Das Wort begrenzt. Das Wort warnt. Es gibt eine Zeit, in der Gott sich finden lässt. Es gibt eine Nähe, die verfügbar ist. Aber diese Zeit ist nicht grenzenlos. Diese Nähe ist nicht selbstverständlich.
Die beiden Jünger am Jordan haben den Moment ergriffen. Sie sind nicht nach Hause gegangen mit dem Vorsatz, vielleicht morgen wiederzukommen. Sie sind nicht stehengeblieben und haben weiterdiskutiert. Sie sind gekommen. Sie haben gesehen. Sie sind geblieben. Und ihr Leben wurde verwandelt.
Was bedeutet es, Jesus nachzufolgen? In Lukas 9,23 definiert Jesus selbst die Bedingungen: – Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Sich selbst verleugnen. Das Kreuz aufnehmen. Täglich. Das ist keine Einladung zu einem bequemen religiösen Leben nach eigenen Wünschen und Vorlieben. Das ist ein Ruf in die radikale Nachfolge.
Und Jesus macht deutlich, was auf dem Spiel steht. In Lukas 9,24-25 fährt er fort: – Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst? Die ganze Welt gewinnen und die Seele verlieren. Was für ein katastrophales Geschäft. Was für eine furchtbare Bilanz am Ende des Lebens.
Geliebte Geschwister! Über die Kirche in unserem Land müssen wir diese Worte mit heiligem Ernst hören. Denn was bedeutet es für uns als Kirche, Jesus nachzufolgen? Viele Gemeinden reden von Nachfolge, aber sie scheuen die Selbstverleugnung. Viele Christen sprechen vom Kreuz, aber sie wollen es nicht tragen. Viele bekennen Christus mit den Lippen, aber sie halten ihr Leben fest, als wäre es ihr Eigentum.
Und so stehen wir heute vor einer Kirche, die Gefahr läuft, die ganze Welt gewinnen zu wollen – gesellschaftliche Anerkennung, kulturelle Relevanz, politische Akzeptanz – und dabei ihre Seele zu verlieren. Eine Kirche, die sich anpasst, verliert ihre geistliche biblische Stimme. Eine Kirche, die gefallen will, verliert ihre Substanz, ihr Fundament. Eine Kirche, die das Kreuz verschweigt, verliert Christus selbst.
Die Worte Jesu sind nicht nur an Einzelne gerichtet, sondern an seine ganze Gemeinde: Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Und was hülfe es der Kirche, wenn sie alle gesellschaftlichen Erwartungen erfüllte, alle Trends mitginge, alle Menschen zufriedenstellte – und doch Schaden an ihrer Seele nähme? Das wäre eine furchtbare Bilanz am Ende der Geschichte. Die Kirche Jesu Christi ist nicht berufen, beliebt zu sein, sondern treu. Nicht angepasst, sondern hingegeben. Nicht bequem, sondern bereit, das Kreuz zu tragen – bis zum Tode. Wenn die Kirche in Deutschland das Kreuz verliert, verliert sie alles. Wenn sie aber das Kreuz wieder annimmt, wird sie neu leben, neu erblühen nach Gottes Willen.
Kehren wir zur Eingangsfrage zurück, liebe Geschwister: Was sucht ihr? Paulus gibt in Kolosser 3,1-2 die klare Anweisung: – Seid ihr nun mit Christus auferstanden, so sucht, was droben ist, wo Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Sucht, was droben ist. Nicht zusätzlich zu allem anderen. Nicht als fromme Dekoration unseres irdischen Strebens. Sondern als Hauptsache, als Zentrum, als Antrieb unseres Lebens.
Doch wir leben in einer Welt, die von ganz anderen Suchbewegungen bestimmt ist. Die Menschen suchen Sicherheit in Besitz, Erfüllung in Konsum, Identität in Leistung, Sinn in Selbstverwirklichung. Sie rennen von einer vermeintlichen Quelle der Befriedigung zur nächsten und bleiben doch leer. Sie sammeln Erfahrungen und bleiben doch unerfüllt. Sie optimieren ihr Leben und bleiben doch verzweifelt.
Noch nie hat es eine Generation gegeben wie die heutige, die ohne Sinn, ohne Kompass und ohne Orientierung durch das Leben taumelt. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen alles wissen und doch nichts verstehen, in der sie alles besitzen und doch innerlich verarmen, in der sie alle Freiheiten haben und doch unfrei sind. Eine Generation, die sich selbst zum Maßstab macht und sich dabei verliert. Eine Generation, die sich ständig neu erfindet und doch keinen festen Grund findet. Eine Generation, die sich selbst optimiert und dabei ihre Seele vernachlässigt. Sie laufen umher wie Schafe ohne Hirten, getrieben von Trends, Meinungen, Stimmungen, aber ohne Richtung, ohne Wahrheit, ohne Ziel.
Und die Kirche, liebe Geschwister, sieht diesem Treiben oft nur zu, statt prophetisch aufzustehen und zu rufen: „Dies ist der Weg, geht darauf! Sucht Christus den Retter. Geht den schmalen Weg.“ Die geistliche Orientierungslosigkeit unserer Zeit ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern vor allem ein geistliches Drama. Ein Volk ohne Durst nach Gott ist ein Volk ohne Zukunft. Eine Kirche ohne biblische Mahnung ist eine Kirche ohne Stimme. Eine Generation ohne Wahrheit ist eine Generation ohne Hoffnung.
Jesus begegnet dieser rastlosen Suche mit einem radikalen Angebot. In Johannes 4,13-14 sagt er der zur Frau am Jakobsbrunnen: – Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. Eine Quelle, die nie versiegt. Ein Durst, der wirklich gestillt wird. Eine Suche, die ihr Ziel findet.
Doch diese Quelle hat ihren Preis. Nicht im Sinne von Bezahlung, denn der Prophet Jesaja 55,1 verkündet: – Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Ohne Geld. Umsonst. Aus Gnade. Aber dennoch nicht billig. Denn es kostet uns unsere Selbstgenügsamkeit. Es kostet uns unseren Stolz. Es kostet uns unsere Illusion der Kontrolle.
Und es kostet uns, liebe Geschwister, unsere Sünde loszulassen, sie nicht zu verharmlosen, nicht schönzureden, nicht zu relativieren, sondern sie im Licht Gottes zu bekennen. Es kostet uns, den Herrn und Retter Jesus ganz anzunehmen und ihn wirklich in unser Herz aufzunehmen – nicht als Zusatz, nicht als religiöse Verzierung, sondern als den König, der herrschen darf. Es kostet uns, die Dornenkrone anzunehmen, die er getragen hat, und das Blut des Kelches zu trinken, den er uns reicht. Es kostet uns, mit Jesus zu gehen, ohne Kompromisse, ohne Hintertüren, ohne Ausflüchte, egal, was da kommt.
Denn Nachfolge ist kein Spaziergang auf Rosen gebettet, sondern ein Weg, der durch das Kreuz führt. Wer Christus will, muss bereit sein, alles andere loszulassen. Wer das Leben will, muss bereit sein, den Tod des alten Menschen zu sterben. Wer die Gnade will, muss bereit sein, die Wahrheit zu hören. Und wer das Licht will, muss bereit sein, die Finsternis zu verlassen. Das Evangelium ist umsonst – aber es kostet uns alles.
Und wer das nicht will, Geschwister, der kann auch kein Jünger Jesu sein. Denn Nachfolge ohne Hingabe ist keine Nachfolge, und Glaube ohne Gehorsam ist kein Glaube. Wer an seiner Sünde festhalten will, wer seine Selbstbestimmung nicht loslassen will, wer Christus nur als Trostspender, aber nicht als Herrn haben will, der mag religiös wirken, aber er ist kein Jünger.
Jesus ruft nicht zu einer halbherzigen Verbindung, sondern zu einer völligen Hingabe. Er ruft nicht zu einem bequemen Christentum, sondern zu einem Weg, der das Kreuz einschließt. Und wer das Kreuz ablehnt, lehnt den Christus ab, der es getragen hat. Die Kirche unserer Zeit muss diese Wahrheit wieder hören: Nicht jeder, der „Herr, Herr“ sagt, ist ein Jünger, sondern der, der den Willen des Vaters tut. Ein Christentum ohne Kreuz ist ein Christentum ohne Christus. Ein Glaube ohne Umkehr ist ein Glaube ohne Leben. Und ein Herz, das Jesus nicht ganz will, wird ihn am Ende gar nicht haben.
Die beiden Jünger am Jordan haben etwas verstanden, was vielen entgeht: Sie haben erkannt, dass sie Suchende sind. Sie haben ihre Bedürftigkeit nicht verschleiert. Sie haben nicht vorgegeben, alles im Griff zu haben. Sie sind gekommen als die, die sie waren: Suchende, Fragende, Bedürftige.
Jesus sagt in Matthäus 7,7-8: – Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Aber die Verheißung gilt nur denen, die wirklich bitten, die wirklich suchen, die wirklich anklopfen. Nicht denen, die meinen, sie hätten schon. Nicht denen, die glauben, sie wüssten schon. Nicht denen, die sich einbilden, sie bräuchten nicht.
In Matthäus 5,3 beginnt Jesus die Seligpreisungen mit den Worten: – Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. Geistlich arm. Nicht reich an religiösen Leistungen. Nicht stolz auf theologische Kenntnisse. Nicht selbstzufrieden in moralischer Überlegenheit. Sondern arm. Bedürftig. Leer vor Gott.
Das ist die Voraussetzung, um zu finden. Das ist die Bedingung, um zu empfangen. Das ist die Grundhaltung wahrer Nachfolge. Nicht das stolze „Ich habe“, sondern das demütige „Mir fehlt“. Nicht das selbstsichere „Ich weiß“, sondern das suchende „Lehre mich“. Nicht das religiöse „Ich bin“, sondern das bekennende „Erbarme dich“.
Der reiche Jüngling in Markus 10,17-22 kommt zu Jesus mit der Frage: – Guter Meister, was soll ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er sucht. Er fragt. Aber als Jesus ihm antwortet, als Jesus ihm das Evangelium sagt: – Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!, da wird offenbar, was er wirklich sucht. Er sucht nicht Jesus. Er sucht eine religiöse Bestätigung seines Lebensstils. Er sucht nicht das Reich Gottes. Er sucht eine Versicherung für die Ewigkeit, während er weiter an seinem Reichtum festhält. Und er geht traurig davon, denn er hatte viele Güter.
Was sucht ihr? Die Frage entlarvt. Die Frage deckt auf. Die Frage trennt die Spreu vom Weizen. Sie trennt die Ernsthaften von den Neugierigen. Sie trennt die Nachfolger von den Mitläufern. Sie trennt die, die Jesus selbst suchen, von denen, die nur seine Gaben wollen.
In Johannes 6,26 konfrontiert Jesus die Menge, die ihm nachläuft, mit harten Worten: – Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid. Sie suchen ihn. Aber nicht um seinetwillen. Sie suchen ihn wegen der Brote. Wegen der Wunder. Wegen der Vorteile. Nicht wegen seiner selbst.
Erkennen wir uns da wieder? Wie oft suchen wir Christus nicht um seinetwillen, sondern wegen der Brote, der Vorteile, der Segnungen, die wir uns von ihm erhoffen.
Und so entlarvt Jesus immer wieder die falschen Motive. Die oberflächliche Suche. Die eigennützige Nachfolge. In Matthäus 6,24 sagt er unmissverständlich: – Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Keine Kompromisse. Keine halben Sachen. Keine geteilte Loyalität.
Und glauben Sie mir, Geschwister, Jesus diskutiert mit uns nicht. Er verhandelt nicht über die Bedingungen der Nachfolge. Er passt seine Worte nicht an unsere Wünsche an. Er mildert seine Forderungen nicht, damit sie leichter zu schlucken wären. Er sagt uns unmissverständlich, dass niemand zwei Herren dienen kann – und er meint es so.
Wer meint, er könne Christus folgen und gleichzeitig dem Mammon, der Welt, der Sünde oder seinem eigenen Ego dienen, der täuscht sich selbst. Jesus ruft uns nicht in eine Debatte, sondern in eine Entscheidung. Er ruft uns nicht in ein Gespräch über Möglichkeiten, sondern in die Wahrheit über unsere Herzen. Und diese Wahrheit ist scharf: Entweder Christus ist Herr – oder er ist es nicht. Es gibt keinen Mittelweg, keine Grauzone, keine Kompromisszone. Die Nachfolge Jesu ist absolut, oder sie ist gar nicht vorhanden.
Was sucht ihr wirklich, wenn ihr zu Jesus kommt? Sucht ihr Trost ohne Umkehr? Vergebung ohne Buße? Himmel ohne Heiligung? Krone ohne Kreuz? Jesus bietet nichts davon. Er bietet sich selbst, ganz oder gar nicht. Er ruft in die Nachfolge, die alles kostet und alles gibt.
Die beiden Jünger am Jordan haben eine Entscheidung getroffen. Sie haben alles hinter sich gelassen und sind Jesus gefolgt. Einer von ihnen war Andreas, wie wir aus Johannes 1,40 erfahren. Und was tut Andreas als Erstes? Vers 41 berichtet: – Dieser findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Wir haben gefunden. Die Suche ist zu einem Ziel gekommen. Nicht zu einem Ende, denn die Nachfolge geht weiter, aber zu einer Erfüllung.
Das ist das Wunder der Begegnung mit Jesus: Die Suchenden werden zu Findenden. Die Fragenden werden zu Zeugenden. Die Bedürftigen werden zu Beschenkten. Nicht durch ihre Anstrengung. Nicht durch ihre Leistung. Sondern durch seine Gnade.
Doch diese Gnade fordert eine Antwort, liebe Geschwister! Sie fordert Gehorsam. Sie fordert Hingabe. Sie fordert Nachfolge. Jakobus 2,17 erinnert uns: – So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. Ein toter Glaube. Ein Glaube, der nichts verändert. Ein Glaube, der nur behauptet, aber nicht folgt. Das ist kein Glaube.
Was sucht ihr? Diese Frage hallt durch die Jahrhunderte. Sie erreicht uns heute, hier, jetzt. Sie fragt nach unserer Motivation. Sie fragt nach unserer Ehrlichkeit. Sie fragt nach unserem Gehorsam. Suchen wir wirklich Jesus, oder suchen wir nur, was er uns geben kann? Suchen wir sein Angesicht, oder suchen wir nur seine Hand? Suchen wir seine Herrschaft, oder suchen wir nur seinen Segen?
In Psalm 27,8 antwortet David auf Gottes Ruf: – Mein Herz hält dir vor dein Wort: ‚Ihr sollt mein Antlitz suchen.‘ Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz. Dein Antlitz. Nicht deine Gaben. Nicht deine Wunder. Nicht deine Segnungen. Sondern dich selbst. Deine Gegenwart. Deine Herrlichkeit.
Das ist die Suche, die Jesus meint. Das ist die Nachfolge, zu der er ruft. Das ist der Weg, den die beiden Jünger am Jordan eingeschlagen haben. Und dieser Weg führt nicht in ein bequemes religiöses Leben. Er führt ans Kreuz. Er führt durch Selbstverleugnung. Er führt durch Leiden. Aber er führt auch zur Auferstehung. Er führt zur Herrlichkeit. Er führt zum ewigen Leben.
In Philipper 3,7-8 bezeugt Paulus: – Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne. Alles für Schaden erachtet. Alles für Dreck gehalten. Damit ich Christus gewinne. Das ist radikale Nachfolge. Das ist kompromisslose Suche. Das ist die einzig angemessene Antwort auf die Frage: Was sucht ihr?
Die Zeit ist kurz. Unser Leben ist kurz. Die Gelegenheit ist da. Jesus steht vor uns, wie er damals am Jordan stand. Er dreht sich um. Er sieht uns an. Und er fragt: Was sucht ihr? Unsere Antwort entscheidet über unser ewiges Schicksal. Nicht unsere frommen Worte. Nicht unsere religiösen Aktivitäten. Sondern unsere tatsächliche Antwort, die sich in unserer Lebensführung zeigt, in unseren Prioritäten, in unserer Hingabe.
Kommt und seht, sagt Jesus. Die Einladung steht. Die Tür ist offen. Aber sie wird nicht ewig offen bleiben. Der Schreiber des Hebräerbriefes mahnt: – Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht (Hebräer 3,15). Heute. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Heute.
Was sucht ihr? Möge unsere Antwort lauten: Wir suchen dich, Herr Jesus Christus, und nichts sonst. Wir suchen deine Herrschaft über unser Leben. Wir suchen deine Vergebung für unsere Sünde. Wir suchen deine Kraft für unsere Schwachheit. Wir suchen dich selbst, denn in dir allein ist Leben, Wahrheit und Weg. Amen.